Das Projekt „Marathon“ kann als das eigentliche Initiativmoment unserer Arbeit gelten. Die ursprüngliche Idee, eine Art singuläre Einsicht dreier Menschen, war es - ganz grundlegend und ohne viel Theorie - möglichst viel Musik möglichst vieler komponierender Menschen zu präsentieren und zur Diskussion zu stellen. Dieses ideale Steinchen, von sich aus expansiv und mit einem feinen Körnchen Irrsinn angereichert, brachte nachgerade alle Dinge in Bewegung. Unser Festival für junge zeitgenössische Musik war geboren. Ein offenes, kommunikatives, hochprofessionelles und konfrontatives Experiment, randständig im Gewinde des Musikbetriebes – an mehreren Tagen, über viele Stunden, ohne Rücksicht auf Verluste, wurde ein ums andere Mal aktuelle Musik junger Komponist_Innen aus aller Welt in geballter Ladung angeboten. Und wenn sich auch die Konstellationen dieser Grundidee, in Bezug auf beteiligte Instrumentalist_Innen, Ensembles, Komponist_Innen, Programmzusammenstellung, Spielorte und Kontexte der Veranstaltung, jeweils änderten, blieb der grundlegende Gedanke bei allen Festivals präsent: nach wie vor ist die Idee, ohne ästhetisch-programmatisches Kuratorium, ohne Ausschlüsse und quasi-politische Linienzüge, einfach im Rahmen dessen, was machbar und bereichernd ist, Möglichkeiten für das Geschehen von Musik in so vielen Formen wie möglich bereitzustellen. Jede Marathon-Edition war ein einzigartiges, nicht reproduzierbares und grenzüberschreitendes Ereignis – weitere werden folgen.

Die erste Veröffentlichung des jungen Ensembles ist eine Summe aus bisherigen Projekten – eine Sammlung von 19 Stücken junger Komponist_Innen, die für uns komponiert wurden oder die uns im Rahmen von Calls for Scores erreichten. Es sind dies allesamt Werke, die für uns besondere Bedeutung erlangt haben - die wir dem Schicksal, komponiert, gespielt und daraufhin vergessen zu werden, entreißen wollen. Sie wurden geschrieben von Personen, mit denen unser Ensemble in enger Verbindung steht und bringen, jedes für sich, Aspekte dieser Zusammenarbeiten zum Vorschein. Die Zusammenstellung in ihren vier Teilveröffentlichungen mag darüber hinaus als exemplarisch gelten für den Status der zeitgenössischen Musik insgesamt, finden sich doch in ihr keine zwei Werke, die „gleich“ klingen oder aus denen sich eine „Strömung“ ableiten ließe. Diese Heterogenität wird auch in der Mischung und dem Mastering der großartigen Amann Studios Vienna, in denen auch alle Aufnahmen entstanden, reflektiert – jedes dieser Stücke hört sich, auch mischtechnisch, anders an. Auch dadurch, und in seiner Kontextualisierung und Fokussierung thematisiert unser Projekt mehrere Probleme und Grundbedingungen zeitgenössischen Musikschaffens und liefert zugleich eine aktuelle Bestandsaufnahme. Das rein digitale, ausschließlich als Download oder via streaming verfügbare Format wurde mit unserem Labelpartner col legno entwickelt und ist nun, ein kleiner Markstein im endlosen Ozean der Zugänge zur Musik, allen Interessierten zugänglich.

Ein wesentlicher Teil unserer Arbeit sind auch internationale Kooperationen und Austauschprojekte. Es ist für uns wichtig und bereichernd, mit Komponist_Innen aus anderen Teilen der Welt zusammen zu arbeiten, andere Ansätze und Vorstellungen, die Musik betreffend, kennen zu lernen. Zudem ist die Organisation zwischen verschiedenen Ländern und mit verschiedenen institutionellen Partnern immer aufs Neue herausfordernd und lehrreich, und der Kontakt mit sehr unterschiedlichen Kulturen und Verhältnissen hilft, die eigene Perspektive sehen zu lernen. In diesem Zusammenhang waren wir bereits in Mexiko, Brasilien, Argentinien, Deutschland, Tschechien, der Ukraine, Ungarn, der Schweiz, Japan, Italien und mit Partnern aus allen diesen Ländern sowie Großbritannien, Rumänien und den USA tätig. Vielfach wurden neue Werke speziell für die jeweiligen Projekte geschrieben oder im Zuge dieser Reisen von uns uraufgeführt. Es ergaben sich dabei oft auch neue und unerwartete Blickwinkel auf die Arbeit des Komponierens, auf die Situation eines Konzerts, auf Musik im Allgemeinen...Freundschaften und Verbindungen entstanden. Reisen bildet, nichts könnte wahrer sein.

Im Zuge unserer bunten Arbeit haben wir zwischendurch auch eine Konzertreihe ins Leben gerufen, diese nannten wir, ganz der Absicht und dem Ziel entsprechend, „im Banne des Unbekannten“. Ursprünglich versehen mit dem Untertitel „das ständige Podium für zu wenig gehörte Musik“ war und ist die Grundidee dieser Reihe, in der Tat wenig bis nicht gehörte, aber großartige Musik zu präsentieren, sie in Kontexte zu setzen und so zugänglich zu machen. Die sehr variablen Konzerte, großzügig beheimatet im Wiener Echoraum, brachten bislang mehrmals Werke aus international ausgeschriebenen Calls for Scores, Impro-Konzepte, Auftragswerke...Häufig sind die Komponist_Innen anwesend, vorläufigen Endpunkt der Veranstaltungen lieferte mit im Banne X: Groove ein veritabler Tanzabend. Der Hut dieser Reihe ist sehr, sehr geräumig, denn klar ist – die Menge des Unbekannten ist stets größer als jene des Bekannten, und so freuen wir uns auf weitere Bannsprüche aus der Hexenküche der Vielfalt.

Ein Versuch darüber, das Publikum vom Sessel zu heben.

Fußwippen und Headbangen? Träumen und Abtanzen zu Neuer Musik? Aber ja! Im Projekt „Im Banne des Groove – der Platypus-Tanzabend“ fungiert das Ensemble als Tanzcombo, es gibt einen singenden Conferencier, eine coole Bass-Section, Bläser-Riffs, Barpiano und einen Beat, der in die Beine fährt. Die vielen Komponisten, die unserer Aufforderung nachgekommen sind, ein paar Stücke für dieses Projekt zu schreiben, sind einerseits ihrem jeweiligen Stil und ihrem „Zeitgenossen-Sein“ treu geblieben. Gleichzeitig haben sie – offenbar lustvoll - ihre Musik in Chansons, 7/4-Walzer, Heavy Metal-Nummern oder Pop-Balladen verpackt. Die Ergebnisse sind so unterschiedlich wie die beteiligten Leute, der Gesamteindruck des Abends aber auf ganzer Linie bewegt, fröhlich und voller Groove.